Montag, 27. Februar 2017

Ada Dorian - Betrunkene Bäume

Rückentext: "Kraftlos ließ er sich auf die Matratze fallen und legte den Kopf auf das Kissen. Durch die weit geöffneten Fenster drang die warme, duftende Sommerluft und bewegte die Blätter über seinem Kopf. Erich schloss die Augen und lauschte für einige Sekunden dem leisten Knistern, das die Äste an der Tapete erzeugten. Der Stamm reichte bis zur Deckte und sorgte dafür, dass die Krone sich fächerförmig ausbreitete.
Erich liebte den Geruch der Pflanzen, er erleichterte ihm den Schlaf. Seit die Nachbarin unter ihm gefragt hatte, ob auch er ein Problem mit feuchten Decken habe, war er noch vorsichtig geworden. Niemand sollte ihm seinen Wald nehmen. Es war alles was er noch hatte".

Zusammenfassung: Erich ist ein alter Mann und lebt alleine in seiner Wohnung. Zu seiner Tochter hat er ein unterkühltes Verhältnis und zu seinem Sohn (der nach Kanada ausgewandert ist) keinen Kontakt mehr. Er will sich nicht helfen lassen und denkt immer noch, er kann alles alleine bewältigen.

Doch dann baut er einen schweren Unfall auf dem Weg zum Baumarkt, weil er seine Brille zu Hause vergessen hat, und die 5 Stockwerke nicht wieder hoch- und runter gehen möchte.

Seine Tochter Irina möchte ihn in ein Pflegeheim bringen, doch Erich wehrt sich mit Händen und Füßen. Also besorgt Irina eine russische Pflegekraft, die ihm beim Bewältigen des Alltags helfen soll. Sie hat extra eine russische Kraft ausgewählt, da Erichs Frau Dascha eine Russin war und er selber als Wissenschaftler früher nach Russland gereist ist.

Doch Erich will keine "Spionin" seiner Tochter im Haus haben und schon gar keine, die ihn bemuttert und ihn wie ein Kleinkind oder einen hilflosen alten Mann behandelt. Zudem hat Erich ein "grünes Geheimnis" im Schlafzimmer, von dem niemand etwas erfahren soll... und als ein Mädchen gegenüber einzieht, entwickelt er einen gefährlichen Plan um die Pflegekraft loszuwerden und seine Tochter ruhig zu stellen...

Katharina ist von zu Hause abgehauen und geht nicht mehr zur Schule, nachdem ihr Vater auf "Forschungsreise" nach Russland gegangen ist. Ihre Mutter ist Putzfrau im Nachtdienst und Katharina will nie so werden wie sie. Nach einigen obdachlosen Nächten im Zelt, bietet ihr ein Bekannter eine Unterkunft. Obwohl ihre Mutter sie anruft und ihr Nachrichten schickt, ignoriert das Mädchen diese und teilt auch nicht mit, wo sie wohnt. Plötzlich befindet sie sich in der Zwickmühle, denn als ihr Bekannter auf einmal Miete will, Katharina aber nach wie vor kein Geld hat, soll sie mit Drogen dealen und das Geld abliefern....

Die Wohnung befindet sich im selben Haus wie Erichs Wohnung und zwar direkt gegenüber. Die beiden begegnen sich und Katharina befragt Erich nach dem Ort, an dem sie ihren Vater vermutet.

Die beiden ungleichen Menschen freunden sich an, und Katharina wird zu unwissenden Mitverschwörerin von Erichs verrücktem Plan. Eine Zeitlang funktioniert alles gut, doch dann bahnt sich eine Katastrophe an, die niemand kommen sieht...

Meine Meinung: Zunächst einmal möchte ich feststellen, Betrunkene Bäume gibt es wirklich (schaut mal auf google ;) ). Es sind Bäume, die aussehen als wären sie betrunken. Sie wachsen in Sibirien und zwar im Permafrost (Anm.: permanent gefrorener Boden). Durch den Klimawandel weicht der Boden auf und taut, die Bäume verlieren ihren Halt. Und versuchen dies durch ihr Wachstum zu verhindern. Also wachsen sie schief und sehen aus, als würden sie schwanken.

Der Roman handelt von einem einsamen, alten Mann der sich nicht damit abfinden kann, dass er seinen Alltag nicht mehr bewältigen kann. Ich fand Erich sehr sympathisch, etwas kauzig aber sehr liebenswert. Auch seine Lebensgeschichte fand ich sehr interessant und mit viel Liebe zum Detail niedergeschrieben. Seine Tochter Irina hat also Frau Petrowa engagiert, damit sie ihm hilft. Ganz ehrlich, die Tochter war mir ziemlich unsympathisch und die Pflegekraft ging mir ganz schön auf die Nerven. Zum Glück war sie nicht lange Bestandteil des Romans, denn als Erich Katharina kennenlernt, wird alles anders.

Katharina hat die Schule verlassen und ist von zu Hause abgehauen. Mehr durch Zufall kommt sie in die heruntergekommene Wohnung in Erichs Wohnhaus. Sie will nicht so werden wie ihre Mutter, die Putzfrau und gibt ihr die Schuld daran, dass der Vater auf "Forschungsreise" nach Russland gegangen ist, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Dann wird sie zum Dealen gezwungen, damit sie Miete zahlen kann, von der vorher keine Rede war. Katharina fand ich anfangs etwas schwierig, auf mich machte sie einen zickigen und nervigen Eindruck. Doch im Laufe der Geschichte änderte sich das. Sie ist zwar keine Sympathieträgerin aber sie wächst einem doch ans Herz.

Ich fand "Betrunkene Bäume" super! Es hat mich wirklich überrascht und liest sich praktisch von alleine. Am Ende ist man richtig schockiert, dass man sich selber in seiner eigenen Welt wiederfindet. Man möchte Erich und Katharina nicht verlassen, irgendwie will man ein Teil von Erichs Leben sein.

Als abschließende Worte finde ich: "Zusammen ist man weniger allein" sehr passend für dieses Buch.

Fazit: 5 von 5 Pfötchen! Klare Empfehlung von mir, alle Handlungsstränge sind klar struktuiert und die Charaktere liebenswert

Danke an den Verlag für das kostenlose Rezensionsexemplar!